Im Rahmen der Aktion „Helfende Engel“ wurden im letzten Jahr durch das Dekanat Saarbrücken knapp 2.000 Schmuckanhänger in Engelsform an Menschen verteilt, die während der Corona-Pandemie für andere da waren und geholfen haben, die schweren Zeiten zu überstehen.

Auf Initiative und in Zusammenarbeit der Lions Clubs Saarbrücken, des Welt:raum Saarbrücken, der Jugendkirche eli.ja und AMM Arts Music Media wurden einige der Schmuckanhänger verkauft und die Erlöse zur Unterstützung der Saarbrücker Kultur- und Veranstaltungswirtschaft eingesetzt. Hierzu konnten sich Kreativschaffende bewerben. Ende März wurde die Entscheidung der Jury getroffen, wer von den zahlreichen Bewerber*innen eine Förderung aus den Verkaufserlösen erhält. Hanna Sprengel alias Sudo ist eine der Geförderten und im nachfolgenden Interview mit ihr stellt sie sich und ihre Kunst vor:

Wie würdest du deine Kunst beschreiben und was ist das besondere daran? Wie bist du auf die Idee dazu gekommen?

Eine Besonderheit in meiner Art liegt an meiner inneren Haltung. Die einen gehen über Jahrzehnte einer Thematik, einer Technik nach, wiederum andere springen regelrecht auf jeden Zug, der gerade vorbeifährt. Damit meine ich, dass in der Kunst immer wieder Mainstream Inhalte entstehen. Das hat natürlich alles seine Berechtigung und ist auch gut so. Negativ daran ist, dass man durch die Erstgenannten schnell übersättigt ist, durch die Zweitgenannten rücken auch viele andere wichtigen Themen und Inhalte in den Hintergrund.

Ich wechsle gerne zwischen Themen, die uns seit Jahrhunderten begleiten, und den Themen, die durch den Mainstream unterzugehen erscheinen. Ohne das erzwingen zu wollen, es passiert eher automatisch. Hinzu kommt, auch wenn ich, sage ich bin Malerin, dass ich meine Techniken häufig an den Inhalt anpasse, bzw. anzupassen bereit bin. So bediene ich mich auch der Plastik oder Performance, noch lieber arbeite ich sogar technikübergreifend. Comiczeichnung wird gemischt mit Malerei, Malerei ergänzt um die Fotografie, Fotografie wird räumlich präsentiert und performativ untermalt.

Durch die Pandemie war ich gezwungen, meine Wiedergabetechnik stückweise anzupassen. Mein Atelier war unzugänglich. Großformatige Malereien, die ich aktuell bevorzuge, sind bei mir zu Hause nicht anzufertigen, zumal mir das Geld für Material wie Farbe oder Leinen aktuell fehlt. Was ich aber besitze ist ein Laptop. Also war die Devise, Kunst am Rechner entstehen zu lassen. Das ist für mich eine gänzlich neue Erfahrung. Nur das Medium zu wechseln ist mir allerdings zu plump. Ich bewundere jeden, der Bildwelten, Zeichnungen, Grafiken und Modelle am Rechner entstehen lassen kann. Also bitte nicht falsch verstehen, wenn ich von „plump“ spreche.

Auf jede Einzelheit einzugehen, wie es zu meinem aktuellen Projekt „re:coded“ kam,  ist kaum möglich, nur soviel, dass mir Ähnlichkeiten auffielen zwischen dem, wie Kunst mit uns kommuniziert, wie wir Rechner und digitale Medien zur Kommunikation nutzen und wie diese mit uns kommunizieren.

Wie hat dein berufliches Leben als Kulturschaffende vor der Corona-Pandemie ausgesehen?

Für die Künstlersozialkasse zählt ein Kunststudium nicht als berufliche Tätigkeit für Kunst- und Kulturschaffende. Ich sehe das jedoch anders. Denn während dieser Zeit entstanden ja Werke und Arbeiten, mit denen ich meinen Teil zur Kultur beisteuerte. In den letzten fünf Jahre studierte ich Freie Kunst an der HBK Saar. Unabhängig vom Studium nahm ich auch an Ausstellungen teil, um Kontakte zu knüpfen oder auch eine Gelegenheit zu haben, meine Arbeiten zu zeigen und zu verkaufen.

Daneben besuchte ich Vernissagen, Konzerte und Events aller Art, um mich mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden zu unterhalten, in Diskussion zu treten und meinen Blickwinkel zu erweitern.

Unglaublich gerne skizzierte ich während der Veranstaltungen die Menschen, Ausstellungssituationen und Ortschaften. Kleine Bildtagebücher die mich erinnern lassen und immer wieder inspirieren.

Wie hat sich deine künstlerische Karriere aufgrund der Pandemie  geändert? Welche Folgen hat der Lockdown und die Kulturstille auf deinen künstlerischen Beruf?

Es ist ohnehin schon schwer, in der Kunst Karriere zu machen um gänzlich davon leben zu können. Viele Künstler*innen wählen ja dementsprechend einen Mittelweg zwischen der künstlerischen Arbeit und einer Tätigkeit, die einem eine gewisse Existenzgrundlage sichert.

So auch bei mir, bzw. war dies ab Februar 2020 auch von mir angedacht. Auf einem Schlag waren alle Pläne dahin, Plan B, C, D waren auch nicht umzusetzen. Mein Diplom stand auf der Kippe und ohne die Unterstützung von Freund*innen hätte ich es nicht geschafft.

Seit meinem Abschluss an der HBK liegen alle meine Bemühungen und Vorhaben im Bereich meiner Tätigkeit als Künstlerin brach, bzw. erleide ich immer wieder Rückschläge, die ein Voranschreiten fast unmöglich machen.

Schlechte oder harte Zeiten gab es in den letzten Jahren immer wieder. Aber an Kulturangeboten teilzunehmen hat mir stets Kraft gegeben. Selbst ein Teil davon zu sein, ließ mich stets voranschreiten. Meine Entscheidung den Weg einer Künstlerin zu bestreiten, habe ich nie bereut. Es waren Künstler*innen und die ungemeine Kulturvielfalt, die mich stets inspirierten, munter machten, mich aufmerksam und sensibel für die Welt in all ihren Facetten bleiben ließen und mir stets die Chance boten, selbst einen festen Fuß in der Kunstwelt zu fassen.

Hat die Corona-Pandemie deine Existenz als Künstler*in bedroht? Wenn ja, wie?

Eingeschränkte bis nahezu ganz ausbleibende Ausstellungen machen mir die Existenz als Künstlerin nahezu unmöglich. Die Grundlage, präsent zu sein und dadurch bekannt zu werden, ist genommen. Soziale Medien sind im Bereich der Malerei und Zeichnung keine gute Alternative, sogar eher das Gegenteil. Fehlt der Bekanntheitsgrad, bleiben auch Besuche auf der Website oder sozialen Plattformen aus. Zumal man droht, in der schieren Masse an Postings und Ähnlichem unterzugehen.

Durch die finanziellen Einbußen kann ich mir kein Material mehr leisten. Zwar greife ich jetzt auf Arbeiten virtueller Natur zurück, aber ganz ohne Papier, Leinwand und Stift kann ich mein Projekt nicht so verfolgen, wie es sonst wäre. Ständig muss ich weiterführende Schritte verschieben und das Höchstmaß an Flexibilität, das ich aufweisen muss, stellt eine zusätzliche kräftezehrende Belastung dar.

Was bedeutet für dich die Förderung durch das „Helfende Engel“ Projekt?

Es erleichtert mich ungemein. Wie die nächsten Monate bei mir weiter gehen ist leider immer noch ungewiss. Die Förderung erhalten zu haben, zerstreut meine Existenzängste jedoch. Ich kann meinem Projekt wenigsten wieder ein wenig besser nachgehen, sodass ich hoffentlich bald Arbeitsergebnisse erhalte, die meine Position als Künstlerin stärken und es mir ermöglichen, bald auch wieder Geld damit zu verdienen. Ich habe jetzt wieder Mut fassen können, was ich als Antriebskraft nutzen kann. Die Förderung erhalten zu haben, ist ein Zeichen, dass ich mit meinem Projekt gute Ansätze geschaffen habe, die es weiter zu verfolgen gilt.

Inwieweit sind dir „Helfende Engel“ in deinem künstlerischen Weg insbesondere während der Pandemiezeit begegnet, also z. B. Personen, die sich besonders für andere eingesetzt haben?

Wenn ich spontan auf diese Frage antworte, fällt mir nur eine Person ein, die dazu passen würde. Ein mir bekannter Modedesigner hat während des ersten Lockdowns Masken (als medizinische und FFP2-Masken noch keine Pflicht waren) für Hilfsbedürftige genäht, obgleich er selbst von Sorgen geplagt war, da auch ihn die Pandemiezeit schwer traf. Ich bewundere sein selbstloses Engagement sehr.

Allerdings sind mir doch viele kleine „Helfende Engel“ begegnet. Künstler*innen, die zwar keine Großtaten vollbringen können, sich aber helfend und stützend begegnen, seien es auch noch so klein erscheinende Gesten. Neue Künstlerkollektive entstehen, um sich einander Halt zu geben, eine Kamera oder ein Laptop, der an eine(n) andere(n) Künstler*in geliehen wird, oder auch das Ausfüllen von Fördergeldanträge via Onlinekonferenzen. Viele sind mit den Anträgen maßlos überfordert… Mir schien es so, dass diese Pandemie die Kunst- und Kulturschaffenden näher zueinander hat rücken lassen. Meinen Beobachtungen nach, abgesehen von Kunst- und Kulturförderprojekten, erhalten Künstler*innen überwiegend Hilfe von anderen Künstler*innen.

Was möchtest du anderen Künstler*innen an guten Wünschen mit auf den Weg  geben?

Mir fällt es schwer, gute Wünsche anderen Künstler*innen auf den Weg mitzugeben. Ich habe sehr viele Freunde, die kunst- und kulturschaffend sind, sehe wie schlecht es auch ihnen geht und auf Dauer nutzen mutmachende und stärkende Worte nichts mehr. Zu mürbe hat uns diese Zeit gemacht, als das so etwas bei uns noch ankommt. Was wir brauchen sind Taten. Und diese Taten beginnen damit, dass Kunst- und Kultureinrichtungen wieder geöffnet werden und Veranstaltungen stattfinden und das dauerhaft! Selbstverständlich mit entsprechenden Schutz- und Hygienemaßnahmen. Ein Kompromiss ist leicht zu finden um beides zu gewährleisten. Genügend Ansatzpunkte und Konzepte diesbezüglich gibt es bereits.

Vielen Dank für das Interview!